Warum landet soviel Essen auf dem Müll?

Im Supermarkt ist immer alles in ausreichender Menge vorhanden. Oder wann sind Sie das letzte Mal ohne Tomaten nach Hause gekommen, weil keine verfügbar waren? Diese stetige Verfügbarkeit und die Perfektion hat ihren Preis: Unser Essen landet auf dem Müll oder wird gleich auf dem Acker wieder untergepflügt. Dabei können wir alle etwas dazu beitragen, die Verschwendung der Nahrung wenigstens einzudämmen.

 

Krumm? Delle? Fleck? Weg!

Tipps aus dem Buch von Stefan Kreutzberger und Valentin Thurn

Ich erinnere mich noch sehr gut an meinen Großvater beim Mittagessen im Kreis der Familie. Wenn er zu Ende gegessen hatte, kehrte er sorgfältig die Brotkrümel zusammen, die auf dem Tischtuch liegen geblieben waren, schob sie in die hohle Hand und leerte diese dann in seinen Mund. (Carlo Petrini, Vorsitzender von Slow Food International)

Früher waren die meisten Menschen vom Nahrungsmangel der Kriegszeit geprägt und hatten somit einen sorgsamen Umgang mit den Lebensmitteln erlernt. Seit dem Wirtschaftswunder sind Lebensmittel stets verfügbar und immer billiger geworden. Wir können das ganze Jahr günstig Ananas kaufen und würden den Supermarkt wechseln, wenn wir am Samstagnachmittag keinen Salat mehr finden würden.

Ursachen des Wegwerfwahns

Warum gibt es zum Beispiel so viele Joghurts in den Supermarktregalen? Wären wir mit 20 verschiedenen Sorten nicht bedient? Eigentlich? Interviewpartner Stefan Grünewald beantwortet dies so: Heute ist der Kühlschrank die Stimmungsapotheke. Es gibt Joghurt zur Aktivierung, zur Regulation der Verdauung, zum Abnehmen, zur Aktivierung der Abwehrkräfte, und dies alles in den verschiedenen Geschmacksrichtungen. Mit 20 Joghurts kämen wir also nicht weit!

Auf unseren Feldern wird überproduziert. Der Salat wird gesät, gehegt und gepflegt – und wenn dann die Bestellung des Großhändlers ausbleibt, wird er untergepflügt. Kartoffeln dürfen nicht zu groß und nicht zu klein sein. Haben Sie in den Kartoffeln des Discounters schon einmal eine Herzkartoffel gefunden? Sehr unwahrscheinlich, denn diese werden ebenfalls aussortiert.

Auch wenn die EU die Normen für das Gemüse mittlerweile teilweise gelockert hat, können wir auch heute keine krummen Gurken kaufen. Der Supermarkt will die nicht haben, da sie nicht in die Kiste passen!

Abschreiben nennt der Supermarkt es, wenn die Ware aussortiert und weggeworfen wird. Milchprodukte werden zwei Tage vor Ende des Haltbarkeitsdatums aussortiert und abgeschrieben. Und kaufen wir alle nicht lieber den Quark, der sich ein paar Tage länger hält? In der Gemüseabteilung gibt es Tagesartikel, die nur einen Tag lang verkauft werden. Dazu gehören Salat, Lauch und Radieschen.

Auch bei Biogemüse sind wir Kunden kein bisschen großzügiger: ein kleiner Fleck, und wir wählen lieber eine andere Packung. Kohlrabi kaufen wir nur, wenn noch grüne Blätter dran sind, pflücken diese dann aber an Ort und Stelle ab, weil wir sie nicht mit nach Hause nehmen möchten.

Wir selbst tappen auch in die Falle und kaufen zu viel ein, so dass wir zu Hause ebenfalls Lebensmittel wegwerfen. Warum ist das so? Wir wählen für alle Eventualitäten aus. Könnte sein, dass ich am Wochenende doch noch Appetit auf einen verdauungsfördernden Joghurt habe? Der Privatmensch wirft im Schnitt 20 bis 30 Prozent der eingekauften Lebensmittel weg! Zubereitungsreste wie Schalen und Kerne sind natürlich nicht vermeidbar, aber viel Abfall könnten wir vermeiden. Aber dazu muss man planen, ab und an einen Blick in den Kühlschrank werfen und hin und wieder mit dem Mangel leben, wenn man am Sonntag feststellt, dass ein weiterer Becher saure Sahne der Bratensauce durchaus gut getan hätte.

Was wir tun können

  • Kreativ werden: Brot wurde früher nicht einfach weggeworfen. Man verarbeitete es zu „armen Rittern“ als Süßspeise (in Ei wenden und mit Zucker bestreuen, dann braten) oder aß es als Eierbrot (Brot mit Eiern in der Pfanne braten).
  • Den Sinnen vertrauen: Ein Joghurt ist nicht ungenießbar, nur weil das Mindesthaltbarkeitsdatum um zwei Stunden überschritten ist.
  • Weniger einkaufen: Ja, es kann sein, dass dann einmal eine Kleinigkeit fehlt. Aber dafür wird auch weniger weggeworfen!
  • Planen: Den Überblick behalten und den Kühlschrank regelmäßig inspizieren.
  • Kühltruhe nutzen: Wir haben heute perfekte Kühlmöglichkeiten. Wenn Sie z.B. den Rest Lauch einfrieren, können Sie das Gemüse nächste Woche als Suppengemüse nutzen.
  • Respekt: In Zeiten des Billigwahns ist es schwierig, den Respekt vor der Nahrung zu bewahren, den unsere Großeltern noch hatten, die ja Zeiten des Mangels erlebt haben. Trotzdem sollten wir hier an unserer Einstellung arbeiten. Wer Lebensmittel wirklich schätzt, wirft weniger weg.

Viele weitere Tipps und konkrete Fallbeispiele finden Sie im Ratgeber „Die Essensvernichter“ von Stefan Kreutzberger und Valentin Thurn.

Die Essensvernichter: Warum die Hälfte aller Lebensmittel im Müll landet und wer dafür verantwortlich ist  Ratgeber von Stefan Kreutzberger und Valentin Thurn: Rund die Hälfte unserer Lebensmittel – bis zu 20 Millionen Tonnen allein in Deutschland – landet im Müll. Das meiste schon auf dem Weg vom Acker in den Laden, bevor es überhaupt unseren Esstisch erreicht: jeder zweite Kopfsalat, jede zweite Kartoffel und jedes fünfte Brot. Alles soll jederzeit verfügbar sein, Supermärkte bieten durchgehend die ganze Warenpalette an, bis spät in den Abend hat das Brot in den Regalen frisch zu sein. Dem Skandal der Lebensmittelvernichtung – der in hohem Maß auch zum Klimawandel beiträgt – ist auf internationaler, aber auch auf individueller Ebene zu begegnen. Das Buch enthält viele Anregungen, wie jeder Einzelne umsteuern kann: durch regionale Einkaufsgemeinschaften etwa, die Bauern und Kunden direkt zusammenbringen, oder eine gesunde Küche, die sich auf das Verarbeiten von Resten versteht. Aber auch durch Verbraucherdruck auf Supermärkte, Waren kurz vor Ablauf billiger zu verkaufen oder zu verschenken.
(26 Rezensionen, 4,9 Sterne, 368 Normseiten) hier kaufen!

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