Rezension: GLÜCK von Wilhelm Schmid

Optimismus, positives Denken und das eigenverantwortliche Streben nach Glück sind in unserer Gesellschaft zu festen Werten geworden. Jeder ist für sein Glück selbst verantwortlich und hat es in der Hand. Ist das wirklich so? Der freie Philosoph Wilhelm Schmid reflektiert das Thema aus einer anderen Perspektive, die im heutigen Machbarkeitswahn erfrischende Züge trägt.

 

Nicht das Wichtigste im Leben?

Rezension

Ich wurde in Youtube-Vorträgen erstmals auf den freien Philosophen Wilhelm Schmid aufmerksam. Er nimmt im heutigen Machbarkeitswahn eine erfrischend andere Position ein. Da dieser Artikel zwangsläufig Meinung enthält, erscheint er als Rezension, obwohl er viele Denkanstöße aus dem Buch enthält.

Eine kleine Atempause inmitten der Glückshysterie, die um sich greift.

Über das Glück

Alles, was Sie wissen müssen – so heißt es im Titel. Und bei gerade mal 79 Seiten ist das durchaus ein Anspruch! Nach dem Titel geht es im Vorwort jedoch gleich bescheidener weiter, denn der Autor verspricht lediglich einen Moment des Nachdenkens. Auch dies ist ein wohltuender Unterschied zu anderen Büchern über das Glück, die meist nicht weniger als das Erreichen aller Ziele, Zufriedenheit und Erfolg versprechen, sei es direkt oder indirekt.

Wilhelm Schmid hat nach eigener Auskunft die allgemeine Glückshysterie lange ignoriert, bis ihm klar wurde, dass das Thema viele Menschen beschäftigt. In seiner Tätigkeit als philosophischer Seelsorger wurde er immer wieder damit konfrontiert. Und noch etwas viel ihm auf: Die Suche nach dem Glück beunruhigt viele Menschen! Also entschied er, dass er sich dem Thema als Philosoph nicht verschließen dürfe – zu meinem Glück, die ich jetzt dieses Buch lesen durfte.

Was ist Glück? Die Antwort erscheint zunächst einfach: Glück ist nichts als ein Wort. Also Schall und Rauch.

Bei dieser einfachen Antwort bleibt das Buch natürlich nicht, denn die verschiedenen Kulturen haben dem Wort eine Bedeutung gegeben. Das Thema wallt im Laufe der Geschichte immer mal wieder auf. Wenn es ums Überleben geht, fragt niemand nach dem Glück. Lange war es auch verpönt, im Diesseits nach dem Glück zu fragen, erwartet uns doch nach einigen Religionen das Glück erst im Jenseits. In jeder Zeit und in jedem Land /jeder Religion versteht man etwas anderes unter Glück. Und daraus ergibt sich auch die Erkenntnis, dass Befragungen zum Thema Glück über verschiedene Länder und Kulturkreise hinweg nicht besonders aussagekräftig sein können. Jeder Befragte antwortet auf einer kulturell unterschiedlichen Basis. Ich bin gerade mal auf Seite neun angelangt und habe schon ordentlich Stoff zum Nachdenken bekommen.

Die verschiedenen Formen des Glücks

„Da hast du aber Glück gehabt!“ Mit dieser Aussage beziehen wir uns meist auf das Zufallsglück. Zwar möchten wir das nicht wahrhaben, aber der Zufall spielt häufig in unserem Leben eine Rolle. „Das war Schicksal!“, sagen ebenfalls viele Menschen. Hier impliziert man eine höhere Fügung, ein Gott oder eine andere höhere Macht. Natürlich kann man das Zufallsglück auch begünstigen: Wer nicht Lotto spielt, gewinnt auch nicht. Wer eine Information sucht, muss mit den entsprechenden Personen in Kontakt treten. Wer nie das Haus verlässt, lernt auch keinen Partner kennen. Das Zufallsglück kann sich auch im Nachhinein als Unglück erweisen, wenn einem etwa alles in den Schoß fällt und man trotzdem oder gerade deshalb später am Leben verzweifelt.

Das zweite Glück ist das Wohlfühlglück, das wir erleben, wenn wir Schokolade essen, in die Sauna gehen oder einen anregenden Austausch im Kreise der Freunde pflegen. Dieses Glück ist teilweise leicht zu erreichen, aber es hält nie lange vor. Sobald wir den teuren Wagen gekauft haben, schielen wir schon auf das nächste Modell, oder die nächsthöhere Klasse. Man kann jedoch darauf hinarbeiten, die Momente des Wohlfühlglücks im Leben zu mehren. Doch Vorsicht: wie bei Drogen schwächt zu häufiger Genuss die Wirkung oder kehrt sich sogar ins Gegenteil um. Zu viel Schokolade bringt Übergewicht oder Diabetes, zu viel Kaffee macht Herzrasen und Schlaflosigkeit.

Die Maximierung der Lust ist kontraproduktiv, denn auf sie folgt die Maximierung der Unlust.

Der glückliche Schein

Scheinbar so viele Menschen sind glücklich, die Reichen und Schönen sowieso. Oder? In Wahrheit entwickeln viele von uns die Gewohnheit, das Traurige und Triste in unserem Leben vor den anderen Menschen zu verstecken – so entsteht schließlich ein noch höherer Druck für den Einzelnen, glücklich sein zu müssen.

Fehlendes Glück ist in der Moderne nur als eine Art von Krankheit denkbar, (…), die mit allen Mitteln geheilt werden muss.

Wilhelm Schmid plädiert für en „Glück der Fülle“, dass Unangenehmes und Schmerz nicht von vorneherein kategorisch ausschließt. Dieses Glück ist nicht besonders oder spektakulär, aber wir haben verlernt, es zu genießen. Es verlangt von uns die Erkenntnis zu verstehen, dass nach einem tiefen Tal der Erfolg umso süßer schmeckt. Das Leben baut auch auf Kontraste auf und das Glück der Fülle erkennt dies an.

Noch schwieriger wird es dann beim „Glück des Unglücklichseins“: Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Trauer und Unglück gehören zu unserem Leben dazu, bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger (was wiederum vom Zufallsglück abhängt). Natürlich muss man die Krankheit Depression ausnehmen, aber die Frage, ob ein wenig Melancholie im Leben nicht auch genießbar ist, ist durchaus berechtigt.  Ich möchte hier nicht weiter ins Detail gehen, sondern auf den oben verlinkten Youtube-Beitrag sowie auf das Buch von Wilhelm Schmid verweisen. Ich persönlich empfinde es so, dass seine Art, die Dinge zu betrachten, viel Druck aus dem System nimmt. Wenn ein Zufallspech oder Schicksalsschlag einen trifft oder man schlicht schlechte Zeiten durchmacht, hat man mit dieser Philosophie nicht gleich das Gefühl, fehl am Platze zu sein – im Gegenteil, solche Phasen gehören zum Leben dazu und sind im Grunde normal.

Die Sinnfrage

Interessant wird es (also richtig interessant), wenn der Autor die Brücke vom Glück zum Sinn schlägt. Häufig denken wir nämlich, dass uns das Glück fehlt, wenn wir in Wirklichkeit auf der Suche nach dem Sinn des Lebens sind. Niemand stellt die Sinnfrage, wenn er von einer erfüllten Feier unter Freunden zurückkommt, wo den ganzen Abend lebhaft diskutiert wurde. Viele Dinge stiften Sinn in unserem Leben, andere geben uns das Gefühl der Sinnlosigkeit. Daher ist die zweite Hälfte des kleinen Büchleins der Sinnfrage gewidmet und um diese detailliert zu erkunden, möchte ich Sie auf das Buch verweisen.

Fazit

Ich habe das Büchlein gelesen und bin dennoch nicht fertig damit: Viele der Ansätze regen zum Nachdenken an, das Leben, das Glück und den Sinn aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Das nimmt die große Last des Glückes, die sich in unserer Gesellschaft aufgebaut hat, wieder von uns. Nein, wir müssen nicht andauernd glücklich sein. Kontraste sind erlaubt!

Leider gibt es noch keine Kindle-Ausgabe von dem Büchlein, im Gegensatz zu vielen anderen Werken des Autors. Das Buch ist aber kleiner als ein E-Book-Reader und passt in wirklich jede Handtasche, sei es zum Spaziergang oder  zur Reflektion auf der Busfahrt. Ein Hörbuch ist ebenfalls verfügbar. Das kleine Büchlein ist bereits 2007 erschienen, hat sich aber zum Longseller entwickelt, ich halte in meinen Händen die 12. Auflage aus 2013. Es ist nicht nur ein guter Begleiter zum Reflektieren, sondern darüber hinaus auch ein schönes Geschenk oder Mitbringsel, mit dem Sie nichts falsch machen können, sowohl in guten, als auch in schlechten Zeiten.

Viele weitere Impulse finden Sie im Ratgeber „Glück: Alles, was Sie darüber wissen müssen, und warum es nicht das Wichtigste im Leben ist “ von Wilhelm Schmid.

Glück: Alles, was Sie darüber wissen müssen, und warum es nicht das Wichtigste im Leben ist Ratgeber von Wilhelm Schmid: Wir alle möchten letztendlich glücklich sein, trotzdem gehen wir im Leben durch zahlreiche Höhen und Tiefen. Kann es sein, dass unser Anspruch dem Glück gegenüber einfach zu hochgegriffen ist? Sind unsere Glücksrezepte zu einfach? Diese und weitere Fragen beantwortet der Philosoph in dem schmucken grünen Büchlein. Dabei schlägt er geschickt die Brücke zum Sinn des Lebens, der für unser Wohlbefinden noch wichtiger ist als die verschiedenen Formen des Glücks. (79 Normseiten) hier kaufen!

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