Rezension: Dinge geregelt kriegen von Sascha Lobo und Kathrin Passig

Prokrastination oder Aufschieberitis – so nennen wir das Phänomen, dass Menschen Dinge eben nicht geregelt kriegen. So wie Kathrin Passig und Sascha Lobo, die nach eigenen Angaben einen schwarzen Gürtel im Verschieben tragen. Ein spannendes Buch, das viele Erfahrungsberichte und Impulse mit sich bringt.

 

Rezension: Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin

Buch von Kathring Passig und Sascha Lobo
Eine Rezension von Dr. Anja Dostert

Wir möchten uns durchaus nützlich machen – aber zu unseren Bedingungen.

Aufschieberitis in den Griff bekommen

Wenn zwei Prokrastinierer einen Ratgeber zum Thema Prokrastination schreiben, dann muss da etwas Besonderes bei herauskommen. Ob man die eigene Aufschieberitis  nach dem Lesen etwas besser bewältigen kann, das wäre die Preisfrage! Aber man nähert sich dem Thema über viele interessante Aspekte und Beispiele aus dem Alltag der beiden Schwarzgürtel an.

Und die beiden Autoren sind nicht allein – Prokrastination ist ein weit verbreitetes Phänomen, das oft hinter verschlossenen Türen stattfindet. Bei Studenten wird viel prokrastiniert, hier kommt die Aufschieberei natürlich auch brillant zur Geltung, wenn eben der Schein fehlt, um weiterzustudieren. Aber Prokrastination ist auch nützlich. Nichtstun hilft Tieren beim Überleben. Und menschliche Nichtstuer bezeichnen die Autoren als LOBOs. LOBO steht für Lifestyle of Bad Organisation.

Sascha Lobo öffnet nicht gerne Post. Dummerweise erreicht uns all jenes, dessen Nichterledigung schwere Konsequenzen nach sich zieht, per Post. So enthält der Ratgeber verschiedene Erfahrungsberichte aus dem Leben der Autoren. Lobos Auto war nicht mehr versichert, da sein Konto vorrübergehend nicht gedeckt war, um die Versicherung zu zahlen. (Rechnungen schreibt er erst, wenn es sich nicht mehr vermeiden lässt.) Das Ende vom Lied (die Details dürfen Sie nachlesen) war, dass er sein Auto für 600 Euro auslösen musste. Er war, wenn ich es denn richtig abgeschätzt habe, alles in allem ein Jahr lang ohne Auto. Alles begann mit einem harmlosen Brief, sich um die Versicherung zu kümmern … Die möglichen Konsequenzen unbezahlter Rechnungen, Mahnverfahren bis hin zum Gerichtsvollzieher werden in dem Buch detailliert beschrieben. Ob diese Aussichten den Aufschieber motivieren? In jedem Fall ist es interessant zu lesen.

Aber das Aufschieben bringt nicht nur Nachteile mit sich. Kathrin Passig schildert in einem interessanten Lebensbericht, wie ihre Aufschieberitis und die dadurch angestoßenen Projekte ihr schließlich einen Job verschafften.

Bei der Beschreibung der Gesamtthematik scheuen die Autoren auch schwierige Kapitel nicht, wie das zum Thema Ritalin, das sie mal eben als „Vitamin R“ bezeichnen. Beide Autoren nehmen es (oder bekamen es mal verschrieben), Kathrin Passig wegen Narkolepsie und Sascha Lobo wegen ADS. Ritalin kann bei Arbeits- und Konzentrationsstörungen helfen. Da das Medikament unter die Betäubungsmittel-Verschreibungen fällt, bleibt nur eine Woche Zeit, um es einzulösen – für LOBOs ein großes Problem. Ritalin als Lifestyle-Medikament ist sicher sehr kritisch zu sehen, anders sieht es bei einer sauberen Diagnose durch den Facharzt aus. Und ein Erwachsener hat ja immerhin den Vorteil, dass er sich selbst entscheiden kann, ob und wann er das Medikament nimmt oder auch nicht.

Die kritische Betrachtung der ToDo-Liste hat mich zum Schmunzeln gebracht. Und ich kann die Argumente nachvollziehen! Wir wissen meist auch ohne Liste, was wir zu erledigen haben. Wem die Liste also mehr Schuldgefühl macht als er ohne Liste hätte, der sollte keine anlegen. Die Liste selbst ist häufig eine Prokrastinationshandlung.

Ein Kapitel für Menschen, die mit einem LOBO zusammen sind, rundet das amüsante und durchdachte Buch ab. Auch ohne Vorwürfe von außen setzen Prokrastinierer sich genug unter Druck.

Was hat man davon, das Buch zu lesen?

Ich bin mir unsicher, ob man nach dem Lesen des Buches alle Aufgaben erledigt. Eher nicht! Trotzdem ist das Buch randvoll mit Tipps und vor allem Erfahrungsberichten, die einem chronischen Prokrastinierer Einiges an Druck nehmen. Das Kapitel für Nicht-Prokrastinierer hat mir sehr gut gefallen. Wie geht man damit um, wenn der Partner prokrastiniert? Hier hat das Autorenduo einige Vorschläge parat.

Ein amüsantes, erfahrungsreiches Buch, das einen nicht unbedingt weiterbringt, dafür aber viel Verständnis für die Problematik weckt. Man ist hinterher um viele Gedankenimpulse reicher. Zwischendurch habe ich immer wieder geschmunzelt.

Viele weitere Tipps und konkrete Fallbeispiele finden Sie im Ratgeber „Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin“ von Kathring Passig und Sascha Lobo.

Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin  Ratgeber von Kathring Passig und Sascha Lobo: Wer kennt das nicht: Man hat sich fest vorgenommen, endlich auf den Brief zu antworten, der vor Wochen angekommen ist, doch Wochen später liegt er immer noch unter dem Stapel unbezahlter Rechnungen; der Termin für die Abgabe der Steuererklärung ist seit Monaten verstrichen, und am Computerbildschirm vergilbt ein Zettel: «Dringend: To-do-Liste machen!!»
Fast jeder neigt dazu, Aufgaben vor sich herzuschieben. Inzwischen gibt es sogar ein eigenes Wort dafür: «Prokrastination». Und für all jene, die darunter leiden, gibt es dieses Buch. Es zeigt, wie man sich dem Druck endloser To-do-Listen entziehen kann und die Dinge trotzdem in den Griff bekommt – ohne das schlechte Gewissen, das all die E-Mails, Anfragen, Aufträge, Pläne und Verpflichtungen uns ständig machen wollen, und ohne sich mit Tricks und Kniffen selbst zu überlisten. Vieles, was uns fertigmacht, weil es von uns fertig gemacht werden will, ist ohnehin nicht wert, dass man sich darüber den Kopf zerbricht. Und manchmal gilt es auch, den äußeren Schweinehund zu bekämpfen …
Kathrin Passig und Sascha Lobo helfen, das Leben so zu organisieren, dass man es nicht ständig organisieren muss. Ein ebenso provokatives wie unverzichtbares Lob der Disziplinlosigkeit. (65 Rezensionen, 4,0 Sterne, 272 Normseiten) hier kaufen!

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