Rezension: Aus Bulimie und Binge Eating aussteigen

Das liebe Essen – viele von uns haben ein Problem damit. Wir wandern zum Kühlschrank, obwohl wir satt sind. Wir essen Chips, obwohl wir wissen, dass sie ungesund sind. Am Ende der Skala stehen Essstörungen, die bei den Betroffenen viel Leid verursachen. Heute geht es um das Buch „Zucker und Bulimie“ von Inke Jochims.

 

Rezension: Zucker und Bulimie

Autorin: Inke Jochims

Eine Rezension von Dr. Anja Dostert

Wir beginnen die Serie der Rezensionen mit einem Thema, bei dem ich mich bestens auskenne und das mir sehr am Herzen liegt. Warum haben immer mehr Menschen ihre Ernährung nicht unter Kontrolle? Das Spektrum ist weit. Es reicht von der Person, die ein paar Kilo zuviel hat bis zu dem Binge Eater, der aufgrund regelmäßiger Fressanfälle ein Gewicht weit im dreistelligen Bereich hat. Bulimiker steuern gegen die Gewichtszunahme des Fressanfalls, indem sie erbrechen und/oder Abführmittel missbrauchen. Magersüchtige, um die es hier heute nicht geht, verweigern die Nahrung komplett.

Warum haben wir unser Essverhalten nicht unter Kontrolle? Viele Diätratgeber machen konkrete Vorschläge, bei Büchern über Bulimie findet man häufig Erklärungen, die auf die Kindheit und auf psychologische Hintergründe zielen. Binge Eating wird nur von sehr wenigen Ratgebern überhaupt behandelt, da das Überessen noch nicht wirklich als Krankheit gilt. Man kann es ja mit dem Willen bezwingen. Kann man? Ist der Mensch in der Lage, das eigene Gehirn auszutricksen? Viele Süchtige werden hier ganz klar mit nein antworten. Wer einmal im Teufelskreis gefangen ist, kommt nur schwer wieder raus.

Nicht zu heiß gebadet, sondern das Falsche gegessen

Inke Jochims setzt hier neue Akzente. Sie führt Fressattacken nämlich nicht auf psychologische Hintergründe zurück (die es sicher auch gibt), sondern auf fehlerhaftes Essverhalten. Fressattacken sind ein Mittel des Körpers, um die gestörte Gehirnchemie wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Was wird bei Fressattacken verzehrt? Brokkoli fällt aus, meist sind es Kohlenhydrat- und fettreiche Speisen. Diese helfen, den körpereigenen Spiegel von Serotonin zu heben – auch wenn das Essen hinterher wieder erbrochen wird. Inke Jochims erklärt die biochemischen und neurophysiologischen Zusammenhänge sehr gut und detailliert. Doch der eilige Leser sei gewarnt. Wer nicht wie ich in diesem Themenbereich studiert hat, der wird sich mit diesen Seiten etwas länger beschäftigen. Trotzdem bin ich der Ansicht, dass es sich wirklich lohnt, wenn man die Grundlagen der Sucht einmal durcharbeitet und versteht. Die Zusammenhänge zwischen Stress (Cortisol, Adrenalin), Suchtverhalten (Dopamin) und der gesuchten inneren Ruhe (Serotonin) sollten für jeden Menschen zur Allgemeinbildung gehören.

Frau Jochims sagt es geradeheraus: Wenn die Fressattacke einmal da ist, so kann man sich ihr nicht entziehen. Das sei, wie mit einem Auto bei Glatteis und 80 Stundenkilometern in eine Kurve zu rasen. Ihre Empfehlung: Langsam fahren bzw. das Auto stehen lassen!

Wie macht man das? Nun, man reguliert die Bedürfnisse seines Gehirnes langfristig durch eine passende Ernährung. Genau wie ein Alkoholiker seine Droge entziehen muss, so sollte der Essgestörte die Drogen Zucker und Weißmehl rigoros absetzen. Wer später geheilt ist, kann diese in Maßen wieder genießen. Aber vorläufig ist ein vollständiger Entzug notwendig. Trotzdem soll nicht gänzlich auf Kohlenhydrate verzichtet werden, da viele Essgestörte erst WEGEN einer LowCarb-Diät in die Bulimie oder ins Binge Eating rutschen. Die Empfehlung lautet, bei jeder Mahlzeit alle Nährstoffe zu kombinieren und etwas weniger, aber ausreichend Kohlenhydrate zu essen. So kann sich das Gehirn in einigen Wochen wieder einpendeln.

Ich kann hier nur einen kleinen Teil der Empfehlungen weitergeben. Zusätzlich ist das Erlernen von Entspannung wichtig und einige Nahrungsergänzungsmittel können ebenfalls Sinn machen. Alles, was den Blutzuckerspiegel langfristig stabilisiert, ist hilfreich. Die Argumente werden sauber erläutert und sind aus meiner Perspektive absolut nachvollziehbar. Nur an einem Punkt tue ich mir sehr schwer: Das ist der vollständige Entzug vom Koffein. Aber der Fairness halber muss ich sagen, dass ich als Kaffeejunkie für Argumente, die mir den Frühstückskaffee madig machen wollen, nicht besonders zugänglich bin.

Zwei Kritikpunkte findet man in den Rezensionen auf Amazon, und ich kann diese auch teils nachvollziehen. Der erste ist die schwierige Materie, die dem Leser ohne Bio-Leistungskurs oder ähnliches Vorwissen zu Beginn schwerfallen wird. (Es wird aber alles gut erklärt!) Der zweite Punkt sind die strikten Vorschriften, die sich aus dem Prinzip ergeben. Wie der Alkoholiker auf Alkohol verzichtet, so soll der Esssüchtige seine Suchtstoffe ebenfalls weglassen. Eine logische Konsequenz, die jedoch dem Einzelnen einiges abverlangt. Auf der anderen Seite geht es hier ja um eine Sucht mit hohem Leidensdruck und nicht um eine Frau, die wieder ins Frühjahrskostüm passen möchte und ein paar Kilo abspecken will. So halte ich den geforderten Einsatz dem Thema gegenüber durchaus für angemessen.

Die Autorin hat ein zweites Buch veröffentlicht (Süchtig nach Süßem?: So schaffen Sie den Ausstieg aus der Zuckersucht), das sich an die Menschen richtet, die weniger stark abhängig sind. (Ich bin versucht, diese Menschen als die „normalen Zuckersüchtigen“ zu bezeichnen.) Ich habe dieses Buch nicht gekauft, aber es soll dem hier vorgestellten Buch sehr ähnlich sein.

Was ich sehr schade finde: Es gibt bisher keine E-Book-Ausgaben von den heute vorgestellten Büchern. Vielleicht bessert die Autorin hier bald nach, denn obwohl das Büchlein klein und kompakt ist, so hätte ich mich über ein E-Book sehr gefreut.

Fazit

Dieses Buch hat mir, obwohl ich schon lange Expertin für das Thema Ernährung bin, doch einige Punkte plausibel erklärt, die bisher noch offen waren. Es ist sehr gut recherchiert und verständlich aufbereitet. Ich würde mir das Buch auf jeden Fall wieder zulegen und möchte es jedem empfehlen, der im Bezug auf übermäßiges Essen einem gewissen Leidensdruck unterliegt. Als Expertin hätte ich mich noch gefreut, wenn die Quellen direkt bei der jeweiligen Aussage angegeben wären und nicht nur hinten im Buch (wobei ich das bei meinen Sachbüchern genauso wie Frau Jochims handhabe).

Sehr empfehlenswert für jeden, der sich öfter vor dem Kühlschrank stehend vorfindet, als er das gerne möchte und unter der Situation entsprechend leidet.

Zucker und Bulimie: Wie richtige Ernährung hilft, aus Bulimie und Binge Eating auszusteigen  Ratgeber von Inke Jochims: Das Buch „Zucker und Bulimie“ beschreibt bulimisches Verhalten aus einer völlig neuen Perspektive. Nicht das Schlankheitsideal ist der Auslöser, sondern ein Mangel an Serotonin im Gehirn führt zu den gefürchteten Heißhungerattacken. Auf der Basis neuester Forschungsergebnisse aus den USA wird hier der Zusammenhang zwischen dem Neurotransmitter Serotonin, Heißhungeranfällen und einer falschen Ernährung dargestellt. Richtige Ernährung kann den Serotonin- und Blutzuckerspiegel stabilisieren und folglich helfen, aus Bulimie und Binge Eating auszusteigen. Aber was hilft, um aus dem Teufelskreis auszusteigen? Was kann man essen – ohne Gewichtszunahme? Die Autorin hat in jahrelanger Arbeit mit betroffenen Frauen nicht nur den Zusammenhang zwischen bulimischen Attacken und Serotoninmangel, Essverhalten, Stress und sozialen Beziehungen erforscht, sondern gibt konkrete Tipps für eine erfolgreich stabilisierende, zucker- und weißmehlfreie Ernährung und beschreibt weitere unterstützende Maßnahmen.
(24 Rezensionen, 4,5 Sterne, 148 Buchseiten) hier kaufen!

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