Psychologische Allgemeinbildung versus Küchenpsychologie

So manches Wissen, das nach wissenschaftlichen Erkenntnissen völliger Unsinn ist, lebt dennoch munter weiter. Dabei können valide psychologische Kenntnisse uns durchaus helfen, den Alltag besser zu gestalten. Abreagieren von Wut ist zum Beispiel gar nicht hilfreich zur Bewältigung von Aggressionen. Heute geht es um die populärsten Irrtümer der Küchenpsychologie.

 

Aus der Küche der Hobbypsychologen

Tipps aus dem Buch von Hans-Peter Nolting

Wer ist schuld? Charakter oder Situation?

Wie erklären Sie das Verhalten einer Person in Ihrem Umfeld? Wir Menschen neigen dazu, personenzentriert zu denken. Der Nachbar ist eben besonders friedfertig oder besonders aggressiv. Der Charakter erklärt, warum er sich so verhält, wie er es eben gerade tut. Die Situation ist sozusagen nur die Kulisse. Und bei uns selbst? Erstaunlicherweise ziehen wir bei uns eher die Umstände heran! Die Situation hat uns dazu gebracht, so zu handeln. Das eigene Fehlverhalten entschuldigen wir quasi mit der Situation, das des Nachbarn erklären wir mit seinem miesen Charakter. Für uns selbst bevorzugen wir Erklärungen die „selbstwertdienlich sind“. Dabei vergessen wir, dass auch der aggressive Nachbar liebevoll und friedlich mit seinem einzigen Enkel umgeht oder dass die sympathische und herzensgute Kindergärtnerin Ihrem Freund neulich vor Wut fast ein Buch an den Kopf geworfen hat.

Teenager flippen eben aus, oder?

Ist die Jugend wirklich eine Zeit der Aufruhr? Saufen, ritzen, Krawall, Stimmungsschwankungen, Hormonchaos? In der Pubertät kommt es in der Tat zu gravierenden körperlichen Veränderungen. Jugendliche distanzieren sich tendenziell von den Eltern und orientieren sich stärker an Gleichaltrigen. Allerdings zeigt die Psychologie, dass Jugendliche im statistischen Durchschnitt nicht emotional labiler, nicht depressiver, nicht ängstlicher oder feindseliger sind als Kinder und Erwachsene. Jugendliche stehen in unserem Kulturkreis gewissermaßen unter Druck: Man sagt ihnen, sie seien nun alt genug, um diverse Pflichten zu übernehmen, gleichzeitig werden sie jedoch in der Schule nach wie vor wie Unmündige behandelt und, wie der Autor es ausdrückt, „in vielfacher Hinsicht gegängelt“.

Der Psychotest

Wer kennt ihn nicht, den Psychotest in der Fernsehillustrierten oder Frauenzeitschrift. Finden Sie heraus, wie xxx (Beliebiges einsetzen) Sie sind! Dann führt ein Psychologe vielleicht mit einem Jugendlichen einen Test vor der Berufswahl durch. Wie kann man beurteilen, ob ein Test zu seriösen und ernstzunehmenden Ergebnissen führt? Ob die Fragen für uns halbwegs logisch und sinnvoll klingen? Die Realität ist, selbst ein Psychologe kann einen Test beim Durchlesen der Fragen nicht bewerten. Tests muss man testen! Und dies mitunter jahrelang. Nur wenn ein Test an vielen Personen getestet und erforscht wurde, kann man später daraus brauchbare Rückschlüsse ziehen. Der Test der Frauenzeitschrift wird höchstens an den Mitgliedern der Redaktion getestet, jedenfalls steht dies zu vermuten.

Männer vom Mars und Frauen von der Venus?

Mit den Unterschieden zwischen Mann und Frau kann man Kasse machen, sei es als Buch oder als Comedy-Programm (Mario Barth, Eckhart von Hirschhausen z.B.). Was ist dran? Aus wissenschaftlicher Sicht handelt es sich um maßlose Übertreibungen. Leider sind die Unterschiede viel unterhaltsamer als die zahlreichen Gemeinsamkeiten. Außerdem fühlen wir uns gut, wenn wir ein zwischenmenschliches Problem einfach auf den Unterschied der Geschlechter zurückführen können, statt uns selbst zu hinterfragen.

Viele weitere alltagsrelevante psychologische Themen und konkrete Fallbeispiele finden Sie im Ratgeber „Abschied von der Küchenpsychologie: Das Wichtigste für Ihre psychologische Allgemeinbildung“ von Hans-Peter Nolting.

Abschied von der Küchenpsychologie: Das Wichtigste für Ihre psychologische Allgemeinbildung  Ratgeber von Hans-Peter Nolting: Volkstümliche und wissenschaftliche Psychologie klaffen oft weit auseinander. Dass man an Boxbirnen «Aggressionen loswerden» kann, dass es visuelle und auditive Lernertypen gibt, dass bestimmte Denkspiele ein «Gehirnjogging» sind solche und andere Annahmen sind weit verbreitet, allerdings nicht in der Wissenschaft.
Dieses Buch greift aber nicht nur populäre Irrtümer auf, sondern erörtert viele weitere Fragen, die ein Thema von Alltagsdiskussionen sind und für die man daher auch Sachkenntnisse besitzen sollte. Zugleich leitet es dazu an, auch an psychologische Probleme, für die man kein Vorwissen mitbringt, «mit System» heranzugehen.
Das Buch ist keine Einführung in die Psychologie als Wissenschaft, obgleich es sich auf sie stützt. Unter psychologischer Allgemeinbildung versteht der Autor vielmehr Wissen und Kompetenz für den Umgang mit Fragen, mit denen man im Leben häufig konfrontiert wird. (5 Rezensionen, 4,4 Sterne, 368 Normseiten) hier kaufen!

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