Ein Tipp zum Tagebuchschreiben

Schreiben Sie öfters Tagebuch oder interessieren sich dafür, mit dem Tagebuchschreiben zu beginnen? Die Autorin und Psychotherapeutin Elisabeth Mardorf gibt Ihnen heute einen weiteren Tipp, was man aus dem Schreiben für sich an Erkenntnissen gewinnen kann. Wer in seinen alten Einträgen liest, der sieht es sofort: Alte Ereignisse wiegen heute nicht mehr so schwer. Die Zeit heilt Wunden.

Kreativ leben mit dem Tagebuch

Ein Tipp von Elisabeth Mardorf

„Nichts gibt uns mehr Aufschluss über uns selbst, als wenn wir das, was vor einigen Jahren von uns ausgegangen ist, wieder vor uns sehen, so dass wir uns selbst nun mehr als Gegenstand betrachten können“ (Goethe, Dichtung und Wahrheit)

Die Zeit heilt Wunden

Diese Erfahrung machen Tagebuchschreiber noch intensiver als andere Menschen. Da liest man etwas von einer Jugendliebe, die einen viele Tränen und schlaflose Nächte kostete – und jetzt kann man sich nicht einmal mehr erinnern, wie jener Knabe eigentlich aussah. Eine Frau erzählte mir, manchmal könne sie sich noch nicht einmal mehr an die Namen erinnern, die sie da lese. Wer soll dieser frühere Arbeitskollege gewesen sein, über den sie sich damals so aufregte?
Oder aber man machte sich seitenlang Gedanken über ein Problem mit dem Ehepartner und wundert sich heute, wie einfach dieses schließlich gelöst wurde bzw. sich fast von selbst erledigte. Das nachzulesen kann helfen, gelassener mit aktuellen Konflikten umzugehen.
Vieles, was einmal unendlich wichtig schien und die Gedanken und Gefühle beherrschte, wird beim Wiederlesen ganz klein und unbedeutend. Eine Trennung vor Jahren, die einen in eine tiefe Depression stürzte, wird vielleicht in der Rückschau als große Befreiung gesehen, die einem neue Chancen eröffnete.

Wie tröstlich kann es sein, sich ganz konkret anhand eigener Erfahrungen vor Augen zu führen und nicht nur allgemein zu denken, dass die Zeit Wunden heilt! Gelegentlich kann diese Form der Erinnerung auch in einer aktuellen Krise helfen, sich bewusst zu machen, dass dieses heute so furchtbar wichtige Problem in ein oder zwei Jahren nicht mehr weltbewegend sein wird. So werden Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einer fruchtbringenden Weise miteinander verknüpft.
Überhaupt haben Tagebuchschreiber ein besonderes Verhältnis zur Zeit. Manch einer vergleicht Zeiträume miteinander und wundert sich, wie verschieden intensiv Zeit verlaufen kann. Ich finde in Tagebüchern aus der Jugendzeit manchmal den Eintrag: „Ich bin gespannt, was ich alles erlebt haben werde, bis dieses Tagebuch voll ist“. Diese eigenartige Faszination erlebe ich auch heute noch manchmal, wenn ich ein neues Tagebuch beginne.
Etlichen Tagebuchschreibern fällt auf, dass sie häufig Eintragungen machen darüber, wie schnell die Zeit vergangen sei. Ist es das intensivere Empfinden, das mit dem Schreiben einhergeht, oder empfinden Tagebuchschreiber die Vergänglichkeit intensiver und schreiben gerade deswegen?

Schon eine 21-jährige Frau macht sich Gedanken über das Vergehen der Zeit: „Zeit spielt für mich eine große Rolle. Meine Mutter und meine Oma haben mir immer gesagt: `Genieße das Leben, es geht so schnell vorbei´. Ich habe dann befürchtet, dass ich eines Tage merke, mein Leben ist fast vorbei, und ich habe nichts davon mitbekommen. Deshalb beruhigt mich das Tagebuchschreiben, es soll meine Erinnerung unterstützen. Ich stelle mir vor, dass ich, wenn ich alt bin und nicht mehr so viel in meinem Leben passiert, noch meine Tagebücher habe, Fotos und die Erinnerungen in meinem Kopf“.
Eine alte Frau, die nicht nur aus Nostalgie-Gründen in ihren Tagebüchern liest, sondern um sich auch jetzt immer noch selbst besser zu verstehen, stellt fest: „Ich kann mich bei manchen Passagen wieder genau an die Gefühle und Stimmungen erinnern, die ich bei der Eintragung hatte. Manchmal denke ich, dass ich heute anders reagieren würde … und ich denke an die Zeit, die knapper wird. Immer wieder finde ich in meinen Tagebüchern Eintragungen über das Vergehen der Zeit.“
Hermann Hesse formulierte in seinem Gedicht Stufen „Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden …“ Das ist für Tagebuchschreiber die Herausforderung, der sie sich immer wieder neu stellen.
Ein Mann schreibt kurz vor seinem 50. Geburtstag: „Die Zeit spielt jetzt eine große Rolle. Mit steigendem Alter vergeht die Zeit immer schneller, und ich suche immer größere Tagebücher aus, um mehr zu schreiben und mehr festzuhalten“.

Eine 40-Jährige sagte mir, sie wolle keine Zeit mehr vergeuden. Unter anderem deshalb schreibe sie Tagebuch, damit ihr Leben nicht einfach an ihr „vorbeirausche“.
Das Bewusstsein, dass Lebenszeit kostbar ist und immer kostbarer wird, je weniger Jahre einem bleiben, wird noch intensiviert, wenn immer mehr Gleichaltrige sterben. Insbesondere Frauen um die Fünfzig scheinen immer häufiger zu erleben, dass Freundinnen oder Kolleginnen plötzlich schwer erkranken und sterben. Auch bei mir haben solche Erfahrungen den immer schon sehr bewussten Umgang mit Zeit noch nachdenklicher gemacht. Je intensiver man das eigene Leben erfährt, auch im Nachlesen, desto wichtiger wird jeder einzelne Tag, und desto wichtiger wird es, für jeden Lebenstag Verantwortung zu übernehmen und ihn mit einigen Worten „festzuhalten“.

Kritiker werden spätestens jetzt sagen, ein Festhalten an der Vergangenheit sei ungesund. Recht haben sie. Die Vergangenheit festzuhalten ist aber etwas anderes, als sie in der Erinnerung als Teil des eigenen Lebens zu würdigen und ihr einen Platz in der Gegenwart zu geben.
So bezeichnete eine 70-Jährige in der Rückschau auf ihr Leben Zeit als ein „Luxusgut, für das ich dankbar bin“. Eine 65-Jährige möchte am liebsten „die Zeit anhalten, um im klaren und wachen Zustand noch viel vom Leben mitzubekommen“. Das Tagebuchschreiben scheint dieses kostbare Luxusgut Zeit auf magische Weise zu vermehren, indem es Zeit intensiver erleben lässt und indem es Zeitreisen in die Vergangenheit ermöglicht, die das bloße Gedächtnis in dieser Anschaulichkeit nicht erlaubt.
Manche Menschen schauen an Silvester nicht nur jedes Jahr Dinner for one, sondern lesen regelmäßig am Silvester-Nachmittag in den Tagebüchern des vergangenen Jahres, ziehen Bilanz und fassen neue Vorsätze. „Same procedure as every year“, eine Mischung aus ernsthafter Auseinandersetzung und ironischem Umgang mit den immer wieder guten Vorsätzen, die schon letztes Jahr nicht so recht erfüllt wurden … aber Tagebuchschreiber können sich auch verzeihen, dass sie nicht perfekt sind.
Verzeihen kann auch in einem anderen Zusammenhang wichtig werden. Die Tagebuchschreiber, die schon seit ihrer Kindheit schreiben, setzen sich beim Wiederlesen ihrer alten Einträge oft noch einmal mit den eigenen Eltern auseinander. Das geschieht nicht unbedingt in Form einer verspäteten Abrechnung, sondern manchmal sehr versöhnlich. Wenn ich selbst beispielsweise lese, was mich wie alle Jugendlichen in der Pubertät an den Eltern ärgerte, wird mir bewusst, wie jung sie selbst damals noch waren: Ende dreißig, zwanzig Jahre jünger als ich jetzt bin! Damals schienen sie alte Leute (Eltern sind eben immer alt), und jetzt kommen sie mir noch so jung vor zu der Zeit, als sie sich mit ihrer aufmüpfigen Tochter auseinandersetzen mussten. Ohne die Tagebücher wäre sicher vieles einfach so in Erinnerung geblieben, wie ich es damals erlebte. Wenn ich aber in meinen eigenen Worten von damals lese, wie ich dachte, wird mir bewusst, wie man als junger Mensch vieles missversteht von dem, was Eltern wirklich gut meinen. (Dies als Tipp für Eltern: Schenken Sie Ihren Kindern Tagebücher, wenn Sie sich im Alter gut mit ihnen verstehen wollen …)

Seit ich älter bin, hat das gedankliche Spielen mit der Zeit einen merkwürdigen Reiz bekommen. So denke ich zum Beispiel öfter darüber nach, was in meinem Leben geschah, als meine Eltern so alt waren, wie ich jetzt bin. Im Nachlesen meiner damaligen Erlebnisse kann ich besser nachvollziehen, wie es ihnen damals gegangen sein muss, und ich fühle mich ihnen auf eine ganz eigenartige Weise verbunden. Auch sie waren einmal 45, 46, 47, 55 Jahre alt, und ich fühle mich ihnen näher, seit ich nachvollziehen kann, wie es ihnen in diesem Alter mit einer erwachsenen Tochter und zwei fast erwachsenen weiteren Kindern ging. Welch ein Mensch diese Tochter damals war, kann ich im Tagebuch nachlesen, und das verändert den Blick auf die eigenen Verhaltensweisen und auf die Eltern sehr. Es trägt dazu bei, die Leistung der Eltern zu würdigen.

Wer kein Tagebuch schreibt, bleibt leicht in der kindlichen Erinnerung an die Eltern stecken. Wer aber Tagebuch schreibt, kann sich als Erwachsener die eigene kindliche Haltung anschauen und relativieren.
Tagebuchunterstützte Erinnerungen sind nicht unbedingt schmeichelhaft für einen selbst. Aber sie sind hilfreicher für die eigene Entwicklung als Erinnerungen, die sich auf die Täuschungen des Gedächtnisses verlassen!

Viele weitere gute Tipps zum Tagebuchschreiben finden Sie in dem Ratgeber von Elisabeth Mardorf!

Kreativ leben mit dem Tagebuch Ratgeber von Elisabeth Mardorf: Pressestimmen zur früheren Ausgabe dieses Buches
„Was dieses liebenswerte Buch besonders lesenswert macht, sind die persönlichen Bemerkungen und überzeugenden Anregungen, die zum Schreiben animieren“ (Ev. Zeitung)

„Elisabeth Mardorf befindet sich in bester literarischer Gesellschaft von Autorinnen und Autoren wie Virginia Woolf, Luise Rinser, Maxi Wander,Käthe Kollwitz, Max Frisch oder Victor von Klemperer, für die das Tagebuchschreiben unentbehrlich geworden war“ (Neue Osnabrücker Zeitung)

„Spannend waren für mich vor allem die Gedanken rund um das Wiederlesen des Tagebuchs, die von der heilenden Kraft der Erinnerung erzählen.“ (Pierre Stutz, ferment)

(5 Rezensionen / 4,2 Sterne) (150 Normseiten) hier kaufen!

Über die Autorin:
Elisabeth Mardorf ist Psychotherapeutin, Coach und Autorin. Sie schreibt seit 50 Jahren Tagebuch und hat unter anderem daraus gelernt, Erlebnisse in einem größeren Zusammenhang zu sehen. Sie ist verheiratet und lebt mit ihrem Mann und ihrem Hund in der Nähe von Osnabrück.
Viele Seelen wohnen in ihrer Brust: Sie hat mit 8 Jahren das Häkeln und Stricken gelernt, mit 11 Jahren das Nähen und mit 12 Jahren das Kochen. Die heutige Frau Dr. Mardorf findet immer noch die verschmähten hausfraulichen Tugenden eine Bereicherung des Lebens, und neben ernsten Sachbüchern, Biografien und Krimis liest sie durchaus gern Frauenzeitschriften und die verpönten „Frauenbücher“. Sie steht auch dazu, dass sie gerne Rosamunde-Pilcher-Filme und Schmonzetten sieht, die ihrem Mann Spuren der Verzweiflung ins Gesicht zaubern.
Gelegentlich tritt sie mit Freundinnen in der Formation „Die platten Wiever“ in einer kleidsamen Kittelschürze auf.
Motto: Nur wer über sich selbst lachen kann, ist ernst zu nehmen.

Homepage der Autorin: www.elisabeth-mardorf.de

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