Argumente gegen das positive Denken

Eigentlich ist es doch ein Paradox: Die Zahl diagnostizierter Depressionen und Angststörungen steigt kontinuierlich an, obwohl wir alle uns fleißig im positiven Denken, Dankbarkeit und erfolgsfördernden Gedanken üben. Oder gerade weil wir dies tun? Im heutigen Tipp geht es um die miese Stimmung, realistische Selbsteinschätzung und um eine Provokation der zur Zeit üblichen Machbarkeitsphilosophie.

 

Alles ist möglich, wenn …?

Tipps aus dem Buch von Arnold Retzer

Alles ist möglich, Sie müssen nur Ihre Gedanken kontrollieren, sich beim Universum den Traumpartner wünschen und immer dankbar sein. Wir Menschen lieben die Idee, dass wir unser Schicksal selbst in der Hand haben. Bücher mit diesen Versprechen verkaufen sich unglaublich gut. Die Idee der Machbarkeit und des positiven Denkens erreicht über die Medien auch jene, die sich nicht mit diesem Thema beschäftigen. Da sollte man doch meinen, dass es uns allmählich allen immer besser ginge, oder? Warum steigen dann die Zahl der Depressiven und der Angsterkrankungen kontinuierlich an? Vielleicht ist das positive Denken doch nicht die Lösung, um der miesen Stimmung langfristig zu entgehen? Im heutigen Artikel packen wir ein heikles Thema an.

Mit Hoffnung und Optimismus gegen die Krise

Die Optimismus-Bewegung geht soweit, dass man sogar Krebs mit der richtigen Einstellung heilen könne. Wächst der Krebs dann trotzdem, so hat die Einstellung eben nicht gestimmt. Diese Denkweise lässt den Patienten mit dem Gefühl zurück, für seine Erkrankung auch noch selbst verantwortlich zu sein. Auch wenn der Placebo-Effekt an vielen Stellen einen Einfluss der Psyche auf das körperliche Befinden nahelegt, so gibt es keinerlei Evidenz dafür, dass man Krebs mit positiven Gedanken heilen könne. Trotzdem kursieren diese Ideen in der positiv denkenden Selbsthilfeliteratur.

Lob der Angst

Angst ist ein unangenehmes Gefühl und schlägt massiv auf die Stimmung. Wir bekämpfen unsere Angst mit Versicherungen gegen alles und jedes, mit Antidepressiva, Alkohol und angstlösenden Medikamenten. Dabei vergessen wir, dass die Menschheit ohne Angst nie überlebt hätte, und Angst sichert auch heute noch unser Überleben. Wenn wir Schmerzen haben und Angst, dass etwas Schlimmes sein könnte, gehen wir zum Arzt. Angst sorgt dafür, dass wir innehalten und unser Verhalten hinterfragen. Sie ist ein wichtiges Warnsignal. Und Angst kann auch sehr kreativ machen. Aus der Not heraus wurden viele gute Erfindungen gemacht. Aber in unserer Gesellschaft zeigt man Schwäche, sobald man zu seiner Angst steht.

Vom toten Gaul absteigen

Viele Menschen probieren es schon lange mit der Kraft des positiven Denkens. Wenn das nicht funktioniert, dann steigen sie nicht von dem toten Gaul ab, sondern gehen davon aus, dass sie es eben noch nicht richtig versucht haben. Der Gedanke, dass es auf jeden Fall machbar ist, lässt viele Menschen tote Pferde reiten – und wer sich dabei schon nicht gut fühlt, der versteckt wenigstens seine Angst.

Problem oder Restriktion?

Wenn wir ein Problem haben, suchen wir nach einer Lösung. Dann gibt es auch Probleme, die wir nicht lösen können. Man denke an das Wetter. Wir können uns darüber ärgern oder freuen, ändern können wir es aber nicht. Das Wetter ist also kein Problem, sondern eine Restriktion, eine Einschränkung, die wir nur hinnehmen können. Es gibt viele Restriktionen, die wir als Probleme ansehen und so täglich verbissen versuchen, sie zu lösen. Wer hier im positiven Machbarkeitswahn trotzdem sein Glück versucht, verschwendet Energie auf Dinge, die er ohnehin nicht ändern kann. Leider suggeriert das positive Denken häufig, dass wir mit der richtigen Einstellung auch Restriktionen auflösen können.

Auswege

Miese Stimmung ist Ausdruck einer erlebten oder erlittenen Krise. Es gibt keine Gewissheiten. Was früher selbstverständlich war, ist heute unsicher. Man denke nur an die Arbeitsplatzssituation. Den Arbeitsplatz auf Lebenszeit gibt es nicht mehr. Krise und Scheitern kann auch eine Chance für Veränderung bedeuten. Und wir müssen dabei nicht immer funktionieren, machen und tun. Fehler und Niederlagen bringen uns letztendlich weiter im Leben. Sie machen uns klug, weise und vor allem menschlich. Denn der Mensch hat selbst erlebt, dass es eben nicht immer funktioniert. Das macht tolerant gegenüber den Fehlern und Schwächen der anderen Menschen. Wer sich den Erfolgserwartungen der Gesellschaft einmal nicht stellt, wird letztendlich einen tieferen Einblick darin erhalten, wie das Leben funktioniert. Wer Restriktionen akzeptiert, kann leichter einen Weg für sich finden, der passt, statt mit dem Kopf immer wieder gegen die selbe Wand zu rennen.

Viele weitere Denkanstöße finden Sie im Ratgeber „Miese Stimmung: Eine Streitschrift gegen positives Denken“ von Arnold Retzer.

Miese Stimmung: Eine Streitschrift gegen positives Denken  Ratgeber von Arnold Retzer: Wir alle stehen unter dem Diktat des positiven Denkens. Noch nie konnten wir angeblich so einfach unser Glück finden, wir müssen es nur wollen, es liegt in unserer Hand! Selbstoptimierung ist Pflicht. Die Konsequenz: Depression und Burn-out!
Der renommierte Arzt und Psychologe Arnold Retzer zeigt uns einen Weg aus dieser Falle. Er setzt gefährliche Mythen außer Kraft, beendet falsche Hoffnungen und erklärt den Sinn von Angst und Zweifel. Er zeigt, was man aus schlechter Stimmung machen kann und macht so den Weg frei für eine realistischen Selbsteinschätzung und Authentizität. Ein provokantes und ungemein befreiendes Buch.
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